Monday, 26.06.2017

Wenn Träume keine Luftschlösser bleiben

Jeder hat Träume.

Sie sind groß oder klein. – So groß, dass ihre Erfüllung niemals möglich scheint. Mittelgroß, so dass sie viele bestens passende Zutaten und eine große Portion Glück brauchen, um Wirklichkeit werden zu können. Oder sie sind so natürlich wie beispielsweise der Wunsch nach einem eigenen Kind, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie eines Tages wahr werden.

Träume können,

wenn sie – wider Erwarten oder weil die Zeit dafür reif ist -, Realität werden, ganze Gesellschaften verändern, die Lebenslust und das -gefühl sehr vieler steigern oder einzelne glücklich machen.

Ich denke beim Stichwort Träume an zwei sehr unterschiedliche: einen ganz großen und einen sehr persönlichen, eigenen, den ich jedoch mit vielen anderen teilte, weil er zu einem Symbol wurde.

1.

I have a dream – Ich habe einen Traum,

verkündete Martin Luther King im August 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit vor 250 000 Menschen – eindringlich, unüberhörbar und setzte damit einen Aufsehen erregenden, gesellschaftlichen Prozess der Veränderung in Gang. 1964 erhielt er für seinen gewaltlosen Kampf den Friedensnobelpreis. Und darüber hinaus legte er wahrscheinlich auch den Grundstein dafür, dass Barack Obama Jahrzehnte später als erster Afroamerikaner Präsident werden konnte.

Andere Träume sind viel viel kleiner.

Sie verblassen leicht neben dem großen Traum Martin Luther Kings, der sein Engagement gegen Rassismus und soziale Unterdrückung schließlich mit dem Leben bezahlen musste. Aber solche magischen, weltbewegenden Momente wie damals in Washington sind die Ausnahme und nehmen den Träumen mit kleinerer Kragenweite nicht ihre Berechtigung.

2.

Mein geteilter Traum ist ein

Teenagertraum aus den Siebzigern und Achtzigern

- einer vor allem der DDR-Teenies. Damals träumte die junge Generation, wenn sie von Freiheit träumte, zugleich auch von echten Jeans, den Niethosen, wie sie in der DDR genannt wurden. Ihr Tragen war zeitweise in den Schulen und bei öffentlichen Tanzveranstaltungen sogar verboten. Offenbar, weil Jeans als zu aufmüpfig und als ein Symbol des Protests galten. Und geträumt wurde natürlich auch, weil es die originalen, die wirklich aufregenden, modischen, körperbetonten, mit dem unnachahmlichen Stoff, dem Denim, und typischen Schnitt in der DDR wegen fehlender Devisen nicht gab. Nur ein paar ganz wenige Bürger mit Westbeziehung besaßen sie und wurden darum benieden.

Dadurch wurden Jeans verklärt

und umso mehr zu einem Symbol der Herausforderung von Konventionen, Macht – wie anfangs auch im Westen -, und zum demonstrativen Ausdruck der Sehnsucht nach der Freiheit hinter der Mauer.

Wenn Träume keine Luftschlösser bleibenNach der Wende, einem Traum, auf den Warten bis zum Herbst 89 aussichtslos schien, waren die richtigen Jeans dann tatsächlich ein Kleidungsstück, dessen Kauf bei aller Geldknappheit Priorität besaß,

deren Besitz die Lebenslust, das Lebensgefühl und das Selbstbewusstsein steigerte

und sehr viele Teenies, aber auch Angehörige jeder anderen Altersklasse vorübergehend glücklich machte.

Endlich: 1989, 1990 waren die Träume vom Fall der Mauer, von Freiheit und eben auch der ehemaligen Mangelware echte Jeans plötzlich keine Luftschlösser mehr, sondern Realität zum Jubeln geworden. Und beim Tragen von Jeans oder auf der Suche nach fetzigen neuen – beispielsweise hier – schwingt noch heute immer mit, dass es sich bei Jeans um ein Sehnsuchtsobjekt handelte, das viel mehr ist als angesagte Mode und damit einen Wert besitzt, der über den Preis weit weit hinausgeht.
Teenagertraum

Artikelbild zu Wenn Träume keine Luftschlösser bleiben: günther gumhold / pixelio.de



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