Friday, 18.05.2012

Identifikation

Blog-6.-4.-2011

An einen schönen, sehr einladenden Ort führt uns der Künstler Liu Bolin mit seiner Installation.

Selbst dort sein und spazierengehen möchte man unter den hohen, leuchtend grünen Bäumen – entweder gleich rechts unter den Laubbäumen entlang schlendern oder auch quer durch den Laubwald laufen, dem stärker in Licht getauchten Teil links entgegen.

Wer weiß, was es auf dem freien Platz, auf der Lichtung Überraschendes zu sehen gäbe?  Eine Hütte, ein Haus vielleicht oder noch ganz anderes, das erkundet werden könnte. Nur der Waldboden ist weniger lockend, wirkt etwas kahl und grau inmitten des intensiven Kronen- und Wipfelgrüns, das eher von Fruchtbarkeit des Bodens zeugt.

Allein wäre man nicht in diesem kleinen Wald, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint.

Ein Mann, der Künstler selbst, ist anwesend und so gegenwärtig in seiner Kunst, dass er mit gleich mehreren Baumstämmen, dem unterschiedlich dichten Blätterwald und dem grauen Waldboden verschmilzt. Sogar seine Schuhe werden zu Steinen, die sich hierher verirrten und tun, als würden sie keinem Menschen, sondern für immer an genau diesen Fleck im Wald gehören.

Das berührt. Denn wie sehr wünscht man sich für sich selbst und alle, denen Identifikation zu selten, nicht oder nur schwer möglich ist, so eins sein zu können mit dem Ort, an dem jeder sich jeweils befindet, mit dem, was sich gerade ereignet und ebenso mit dem, was zu tun ansteht.

Liu Bolin (via iGNANT) trifft den modernen Menschen, der sich ständig teilen, immer wieder zerreißen müsste. Er begleitet den getriebenen, gehetzten, oft bis an die die Grenzen der Belastbarkeit herausgeforderten Mann, die von Burnout bedrohte Frau. Aber genauso auch diejenigen, die – wodurch auch immer – frustriert und weit von jeder Identifikation mit ihrer Lage entfernt sind, weil ihnen zu viel für ein würdiges Leben fehlt – Arbeit und Geld beispielsweise.

Der Künstler nähert sich diesen modernen Qualen dadurch, dass er zeigt, wie es sein könnte, wenn alles – ins Licht gerückt -, wieder das rechte Maß, das richtige Gewicht hätte, jeder sich nach seinem Vermögen einbringen, ganz er selbst sein dürfte und Identifikation wieder möglich wäre.

Liu Bolin weckt eine starke Sehnsucht danach.



6 Kommentare

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