
Er überraschte mich am meisten, als ich auf der Zugfahrt von Leipzig nach Berlin in Luckenwalde ausstieg und nicht wie sonst immer nur einfach durchfuhr.
Ich wollte mir in einem Sommer ohne Urlaub eine kurze Auszeit nehmen und mir dazu die Stadt mit ihren Kirchen ansehen. Doch als ich auf den großen Bahnhofsvorplatz trat, um mich an dem dort ausgehängten Stadtplan zu orientieren, stutzte ich und schaffte es, anders als geplant, erst viel später zu den Kirchen.
Denn vor mir stand ein riesiger, sehr gut sanierter Prachtbau, ein sofort als ehemaliges Bahnhofsgebäude erkennbares, langgestrecktes Bauwerk der wilhelminischen Ära. Ich empfand es nach dem Blick auf eine Reihe ziemlich heruntergekommener Bahnhöfe an der Strecke Leipzig – Berlin, über Lutherstadt Wittenberg, als einen Lichtblick, aber wäre wohl recht schnell weitergegangen, wenn nicht das goldene Ende dieses riesigen Hauses mit seiner eigenwilligen Architektur meine Blicke gefesselt und meine Aufmerksamkeit erregt hätte.
Dieser Turm oder Kubus, bis auf die Fenster rundum eingekleidet von schuppenartig angeordneten Goldschindeln, und etwas windschief erscheinend, machte mich neugierig. Ich musste ihn von außen und innen erkunden. Aber er war von außen gar nicht zugänglich.
Um hineinzukommen, lief ich am gesamten Bahnhofsgebäude nach vorn, las erst jetzt “Stadtbibliothek” über dem Eingang und ging hinein.
Ich kam in die großzügige Atmosphäre einer äußerst modernen Bibliothek ohne jede Platznot, mit überzeugender Inneneinrichtung, mit Café und freundlichen Angestellten, die mir meine Fragen beantworten konnten und mich gern den gesamten Komplex anschauen ließen. So erfuhr ich, dass diese Verknüpfung von ehemals verfallendem Alten und beeindruckendem Neuen möglich wurde durch das Urban-Förderprogramm der Europäischen Gemeinschaft.

Im goldenen Anbau ist die Kinder- und Jugendbibliothek untergebracht. Die Innenräume im Erdgeschoss sind als Lese- und Spiellandschaft für die Kinder gestaltet. Durch die riesigen Fenster zum Bahnhofsplatz werden sie öffentlich und vermitteln den Eindruck, dass er insgesamt mit zur Verfügung steht.
In der ersten Etage befinden sich die loungeartig eingerichteten Räume für die Jugendlichen mit Zugang zu allen modernen Medien und schönen, jugendgemäßen Arbeitsplätzen – neben einladenden, den Geschmack junger Leute berücksichtigenden vielfältigen Ruhemöglichkeiten.

Ich bin angetan von diesem goldenen Turm. Es ist offensichtlich: Er ist ein Schatz für den Schatz der Gesellschaft.
Montag, den 24.8.2009
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