Wie viele Menschen langweilen sich, ob sie nun alt und einsam oder arbeitslos und arm sind. Sie alle leiden an der “Decke”, die ihnen buchstäblich auf den Kopf fällt.
Dass es auch ganz anders sein kann, demonstrierte uns unabsichtlich Sabine Ball, eine ehemalige Millionärin, die jetzt im Alter von 83 Jahren starb und diese Woche als “Mutter Teresa von Dresden” beerdigt wurde, nachdem sie über 16 Jahre für die Ärmsten der Armen und mit ihnen in Dresden gelebt hatte. In einem ergreifenden Gottesdienst wurde in der Dresdner Kreuzkirche Abschied genommen von dieser ungewöhnlichen Frau, die als ehemals Schöne und Reiche genau die Tage als arm empfand, in denen sie lediglich in der Sonne lag oder beim Shoppen Geld für Schmuck und luxuriöse Kleidung verschleuderte. Zunehmend schlechter fühlte sie sich in ihrem Leben, das sie im äußeren Glanz führte, aber innerlich immer leerer machte.
Um nicht zu erstarren – auch angesichts von Alkoholproblemen ihres Mannes -, nahm sie Abschied von diesem endlosen Nichtstun im Reichtum, das heute wie damals vielen Menschen als der Inbegriff von Glück erscheint und machte sich auf die Suche nach echtem Lebenssinn.
Das war nicht ohne schwerwiegende Entscheidungen möglich. Sie trennte sich von ihrem Mann, dem Reichtum und Luxus, suchte mit ihren zwei Söhnen zunächst Erfüllung in der Künstlerszene Kaliforniens, dann auf einem von ihr gekauften Stück Land, auf das sie Hippies und Drogenabhängige zum gemeinsamen Leben einlud, in der Hoffnung diese von ihrer Drogensucht zu befreien.
Um auch den Buddismus kennen zu lernen, der ihr zunächst viel versprach, reiste sie nach Indien, kehrte aber nach drei Monaten zurück, ohne gefunden zu haben, was sie suchte. 1971 geschah dann etwas Unerwartetes mit ihr. Sie wurde Christin, und plötzlich begann es in ihr zu strahlen und sie zu drängen, ab jetzt für andere da zu sein und ihnen zu helfen.
Daraufhin gründete die in Königsberg geborene, 1949 nach Amerika ausgewanderte Sabine Ball in Brooklyn ein evangelisches Projekt für Junkies und Straßenkinder, kümmerte sich in Kalifornien um misshandelte Frauen, eröffnete ein Schwesternhaus für sie und setzte sich in der Hospizarbeit ein.
Nach der Wende in Deutschland entschloss sich die Frau, die 1945 die Bombardierung der Stadt Dresden miterlebt hatte, in diese Stadt zurückzukehren und dort für die da zu sein, die als Kinder und Jugendliche z. T. sich selbst überlassen waren, auf der Straße lebten oder aus den verschiedensten Gründen keinerlei Orientierung für ihr Leben hatten und um Menschen, die in dieser Umbruchzeit aus der gewohnten Bahn geworfen, zum Alkoholiker oder obdachlos geworden waren. So eröffnete sie 1993 in einem abgewirtschafteten, ehemaligen Schnapsladen ihr Café “Stoffwechsel”, ein gemütlich eingerichtetes “Wohnzimmer”, in dem sie Kinder und Jugendliche, Haltlose und Abgestürzte bewirtete, mit Kleidung versorgte, sie voller Wärme tröstete und in Güte weiterhalf. Parallel dazu baute sie, am Bedarf orientiert, einen Second-Hand-Laden auf und sorgte für das Entstehen von zwei Häusern für betreutes Wohnen.
Sogar das Familienministerium wählte sie 2008 als eine der sechs Botschafter für die deutschlandweite Plakatkampagne “Alter schafft Neues” aus. Auf den Plakaten stand neben dem Foto von ihr: “Sie hat 8 Männer geliebt, getröstet, gescholten und ihnen vergeben. Alles diese Woche.”
Dieser Frau mit großer Ausstrahlung und ihrem behaglich eingerichteten Wohnzimmer für alle, die kein oder kein echtes Zuhause haben, gehört unsere Anerkennung und unser Blumenstrauß.

Sonnabend, den 18.7.2009
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