
Menschen sind unterschiedlich empfindsam. Sie sehen, hören mehr oder weniger als andere und nehmen Situationen ganz verschieden wahr.
Die einen können problemlos vergessen, dass sie nicht für immer immer auf der Erde leben dürfen, nicht zu den Reichen und Schönen gehören und sich dennoch und unabhängig davon richtig ihres Daseins freuen – auch wenn sie vielleicht ständig zu wenige Euro in der Tasche haben.
Die anderen leiden ununterbrochen am “tragischen Szenario” (Woody Allen), in das wir als Menschen hineingeboren werden. Sie sind selten oder nie total ausgelassen und unbekümmert froh, auch wenn andere denken, dass es ihnen bestens gehen müsse, sie vielleicht sogar beneiden.
Diese “gequälten” Menschen sind dünnhäutiger, hellsichtiger, hellhöriger als andere. Ihnen macht die Endlichkeit des Lebens ernsthaft zu schaffen und die Tatsache, dass sie grundlegende Dinge wie das Aussehen, das Geschlecht oder den Grad der Begabung nicht ändern können, sondern hinnehmen müssen und versuchen zu vergessen. Aber sie leiden, weil es ihnen nicht oder schlecht gelingt.
So bekannte Woody Allen, dass er viel für das Vergessen tue:
Ich arbeite viel, ich mache Musik, ich gehe zu Basketballspielen, ins Kino, ich habe Frau und Kinder, die meine Aufmerksamkeit fordern,
dass aber all das nicht reiche:
Ich habe keine guten Verleugnungsmechanismen – darum verbringe ich einen guten Teil meiner Zeit mit Leiden.
Solche Menschen mit höherem Wahrnehmungsvermögen für die condition humaine, die reale menschliche Grundsituation, können das Meer und die Sonne wahrscheinlich nicht richtig geniessen, weil sie immer mühsam versuchen müssen, festen Boden unter die Füße zu bekommen.
Ich wünsche Ihnen, dass sie wenig von negativen Gefühlen heimgesucht werden und sich, gerade weil das Leben unabänderlich kurz ist, umsomehr an ihm freuen.
Die zum Thema passende Fotografie verdanke ich Anja Mulder aus den Niederlanden via iGNANT.
Informationen zum Thema und das Zitat von Woody Allen fand ich in “Psychologie heute”, Mai 2008, in “Positive Gefühle, negative Gefühle: Was hält die Seele wirklich gesund?” von Alice Holzhey, S. 20 -25. Den für mich sehr interessanten Einblick in sein Privatleben gab der bekannte Filmregisseur der Neuen Zürcher Zeitung in einem Interview anlässlich seines 70. Geburtstages.
Freitag, den 8.1.2010
Tags: "Alice Holzhey", "Anja Mulder", "Woody Allen", Gefühle