Archiv für die Kategorie 'Fortsetzungsgeschichte "Die grüne Ledercouch"'

Auf der grünen Ledercouch (7)

Ich fühle mich, während ich sie unwillig mit diesen Sätzen bombardiere, um Jahre zurückversetzt. Wir waren 16 damals, gingen in die zehnte Klasse. Ich war dem Alter gemäß noch zu viel Unsinn aufgelegt, voller Übermut, mit überschüssiger Kraft ausgestattet, war großspurig und ungelenkig, aber wurde von ihr angezogen. Ich neckte sie, zog sie wegen ihrer Ernsthaftigkeit auf und machte mich ein bisschen lustig darüber, dass sie Zeit mit Kochen und Backen verbrachte, so häuslich war, statt ihre Jugend zu feiern und freute mich zugleich an ihren blauen Augen, ihrer Energie, dem wachen Geist, ihrer Entrüstung über jeden Missstand und ihrer Bereitschaft, ihren Einfällen, ihn abzuändern, aber auch an ihren unergründlichen Anwandlungen, die sie manchmal überfielen.

Und ich steckte voller Pläne für mein Leben und das von anderen, war überzeugt davon, dass man das meiste verändern müsse und fast alles machbar sei, dachte, Hürden seien nur dazu da, sie beiseite zu räumen. Erfahrungen, wie Bianca sie machte und von denen ich nichts erfuhr, waren mir fremd. Ohnmacht und Zwänge kannte ich nicht, nur Unbekümmertheit.

Aber so viel Vertrauen hatte sie nicht, mir etwas zu erzählen, mir zu erklären, warum sie lebte, wie sie lebte, warum sie wischte, Ordnung hielt und kochte wie eine Mutter, warum sie tat, was sie nach meiner Überzeugung zwanzig Jahre später sowieso tun müsste und dabei oft zu brav, manchmal auch verkrampft wirkte. Sie redete nicht darüber, nicht einmal, um irgendwann meine gelegentlichen Hänseleien zu beenden.

Auch über andere sprach sich nicht herum, dass sie erwachsener war, dass das Leben ihr mehr von sich preisgab als uns anderen gegenüber, dass sie so leben musste. Denn ihre Mutter war krank, hatte Krebs, der Körper und Kraft allmählich auffraß und sie, Bianca war die einzige Tochter, die gemeinsam mit dem Vater der Mutter das Krankenhaus ersparte.

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Auf der grünen Ledercouch (6)

Bianca protestiert nicht, aber ich bin mir nach dem Druck auf den Schalter im Handumdrehen unsicher, ob es tatsächlich eine gute Idee war, das Licht zu löschen. Denn umgeben vom tiefen Schwarz des Raums empfinde ich mich noch weniger als Herr der Lage, fühle mich im Gegenteil diesem überraschenden, jetzt unsichtbaren Besuch gegenüber stärker ausgeliefert als eben noch im Leselicht und versuche angespannt, eventuelle Geräusche von ihr zu hören, wenigstens ihr Atmen. Aber es ist sehr still.

Bianca, ich verstehe dich nicht, spreche ich sie erneut an, weil ich die Sonderbarkeit dessen, was geschieht, nicht länger hinnehmen will. Du, Bianca, warst es, die von einem Tag zum anderen ohne jede Nachricht verschwand, nicht ich. Du hättest mit mir reden können und müssen, wenn du in Schwierigkeiten stecktest. Ich hätte dir geholfen. Stattdessen hatte ich das Nachsehen, du nahmst trotz fester Zusage deine Arbeit nicht auf, ich wartete um deinetwillen länger ab, dachte von Tag zu Tag, du würdest auftauchen und als ich dann endlich nach Ersatz für dich zu suchen begann, fand sich nicht so schnell eine geeignete Mitarbeiterin für meine Firma.

Aber inzwischen sind Jahre vergangen, dein rätselhaftes Verschwinden beschäftigte mich und alle anderen nicht mehr und auch mein angestauter Ärger verrauchte im Laufe der Zeit. Warum tauchst du jetzt wieder auf, holst die Erinnerungen hervor und vermittelst mir außerdem den Eindruck, dass du nicht gekommen bist, um mit mir locker zusammenzusitzen, lachend und reumütig um Entschuldigung für damals zu bitten, weil dir vielleicht eine neue Liebe den Kopf ganz und gar verdreht hatte und du Hals über Kopf mit ihr durchbrennen musstest? Warum keimt der Verdacht in mir auf, dass du offene Rechnungen eintreiben willst, die ich nicht einmal kenne?

Sonnabend, den 16.5.2009

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Auf der grünen Ledercouch (5)

Sie sagt nichts, geht nicht auf mein Höflichkeitsangebot ein. Und ich bin erleichtert, nicht aufstehen zu müssen, weil es mir in meiner bleiernen Schwere erscheint, als würde schon das mich überfordern. Ich fühle mich in diesen Minuten auf meinem grünen Ledersofa immer elender, wie bei einer echten Grippe, bei der Kopf und Glieder schmerzen, mir schwindlig wird, das Fieber nach und nach die Verfügungsgewalt über den Körper entzieht und schon der Gang zur Toilette wie eine riskante Bergbesteigung erscheint, deren Gelingen fraglich ist.

Einer plötzlichen Eingebung folgend hebe ich in einer großen Kraftanstrengung wenigstens meinen schweren rechten Arm, suche mit der Hand den neben dem Metallstiel hängenden Schalter der Stehlampe und knipse das Licht aus. Wenn ich Biancas Gesicht nicht sehen kann, wenn ich nicht weiß, ob sie eine Miene verzieht oder nicht, soll sie auch meines nicht sehen. Und Dunkelheit erscheint mir angemessener und höflicher, als mich einfach zur Wand zu drehen.

Donnerstag, den 14.5.2009

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Auf der grünen Ledercouch (4)

Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe eben einen leichten Ruck gehört. Sie hat mir das Gesicht abrupt zu- oder abgewendet, jedenfalls eigenwillig ihren Kopf gedreht. Ich erkenne dieses lange nicht mehr gehörte Geräusch sofort und erinnere mich schlagartig an diese Eigenart von ihr, an das auffällige körperliche Reagieren, wenn sie etwas missbilligte oder ihm zustimmte.

Ich habe sie jetzt von einem Augenblick auf den anderen genauso vor Augen, wie sie über Jahre schräg rechts vor mir in der Schulbank saß, immer hellwach wirkte, vor fast jedem Stundenbeginn mit mir über ein Thema diskutierte und plötzlich, wie beleidigt, den Kopf abwandte, wenn ich mit meinen Auffassungen zu sehr danebenlag oder sie bewusst provozierte, aber auch, wie sie mir ihr Gesicht immer mehr zuwandte und ihre Augen Funken sprühten, wenn wir große und kleine Probleme beleuchteten, für alles nach Lösungen suchten und einer Meinung waren. Es war schon etwas Besonderes an ihr und an unseren Gesprächen, an die ich lange nicht mehr gedacht hatte.

Bianca, entschuldige bitte, sage ich, ich musste an früher denken, als du plötzlich deinen Kopf drehtest und habe über all den Erinnerungen nicht mitbekommen, ob ich aufstehen und dir einen Rotwein holen soll oder ob du wünschst, dass ich liegen bleibe, mich nicht rühre und dir einfach nur zuhöre.

Montag, den 11.5.2009

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Auf der grünen Ledercouch (3)

Bianca, bist du es? fragte ich. Wie kamst du herein in meine Wohnung? Wo kommst du überhaupt her nach so langer Zeit? Wohin warst du damals verschwunden und warum?

Ich erschrak mich eben sehr, als ich Dich hier in meinem grünen Sessel erblickte, sage ich vorwurfsvoll, hättest du dich nicht ankündigen können. Was ist der Grund für deinen Besuch? Sie antwortet nicht.

Bianca, versuche ich es von neuem und etwas gereizt, rede, erkläre mir dein Kommen und früheres Verschwinden. Oder möchtest du zuerst etwas trinken? Geht das Reden dann leichter?

Ich schaue sie an in ihren Jeans und dem mittelblauen Pullover, der gut zu ihren blauen Augen passen muss, an die ich mich sofort erinnere, die aber jetzt im Dunkel bleiben. Das Licht meiner Leselampe reicht nicht soweit. Bianca, frage ich, darf ich dir einen Rotwein holen?

Ich habe den Eindruck, dass sie ihre lässig über die Lehnen hängenden, dünnen Arme leicht dreht und etwas nach oben rutscht, aber ich bekomme keine Antwort.

Mir ist nicht nach Aufstehen zumute. Meine Arme und Beine liegen wie Blei auf der Couch. Mir ist, als könnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr bewegen und mir ist sehr warm.

Aber ich werde das Sofa verlassen müssen, wenn sie weiter schweigt. Noch einmal versuche ich es mit Worten. Rede Bianca! Was hat dich weggehen lassen? Wie ist es dir ergangen in den Jahren seitdem? Bist du glücklich geworden? Warum sitzt du hier?

Montag, den 4.5.2009

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Auf der grünen Ledercouch (2)

Ich frage mich, ob ich die “richtigen” Augen und Ohren habe, wenn mir gegenüber, im grünen Ledersessel hinter dem weißen Couchtisch, spätabends, bei verschlossenen Türen, mit einem Mal der oder jene sitzt, die Stille unterbricht, mir Fragen stellt und mich dazu bringt, mein Buch aus der Hand zu legen, um mich in ein Gespräch zu verwickeln.

Zuletzt saß außerhalb des Lichtkegels meiner Leselampe eine Schulfreundin im Sessel. Ich erkannte sie gleich, obwohl es sechs oder sieben Jahre her sein musste, dass ich sie zuletzt gesehen hatte. Sie, Bianca, hatte ihre blonden Haare wie damals, als wir uns noch regelmäßig sahen, zu einem Schwanz zusammengebunden, saß aber im Gegensatz zu früher, wo sie immer etwas überkorrekt und angespannt wirkte, sehr locker und entspannt, mit angezogenen Beinen im weichen Leder und machte den Eindruck, als hätte sie schon mehr als ein Glas vom nichtvorhandenen Rotwein getrunken.

Ich war doppelt überrascht, sie zu sehen, denn ich hatte ihr, bevor sie sich in Schweigen gehüllt und nicht mehr gemeldet hatte, eine Bürostelle in meinem Unternehmen angeboten.
Sie war darauf eingegangen, schien sehr interessiert, hatte ein paar Mal hospitiert, war mit dem dann geplanten Arbeitsvertrag einverstanden, aber plötzlich nicht mehr erreichbar.

Donnerstag, dn 30.4.2009

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Auf der grünen Ledercouch

Wenn ich mich abends mit einer weichen, karierten Decke auf mein großes, bequemes Ledersofa lege, weder den Fernseher noch das Radio oder irgendeinen Player anschalte, weil ich in aller Ruhe noch ein bißchen lesen möchte oder manchmal auch muss, bekomme ich neuerdings hin und wieder Besuch.

Nur als es zum ersten Mal passierte, erschrak ich und war verwundert darüber. Dann, beim Grübeln darüber, fielen mir andere, nicht einfach zu verstehende Geschichten ein, bei denen man zunächst der Meinung sein konnte, dass manches nicht mit rechten Dingen zuginge und das beruhigte mich angesichts meiner Erlebnisse ein wenig.

Ich erinnere mich beispielsweise an einen mächtigen, üppig belaubten Baum etwas außerhalb des polnischen Städtchens Kielce, aus dem “an manchen Tagen ein Weinen wie von Kinderstimmen vernehmbar sein (sollte), wenn der Wind hineinfährt, Schreien und Wimmern, Seufzen, das in schnarrenden Geräuschen, in atemloser Stille endigt.” Ich hatte bei Günter Kunert davon gelesen.

Sogar ein deutscher Wissenschaftler war beauftragt worden, die Angelegenheit restlos aufzuklären. Er hatte das Phänomen aber nicht objektivieren können, weil er wohl nicht die “richtigen Ohren” hatte, wie man im Städtchen wusste. Denn “Nicht jeder, sagt man in Kielce, hat auch die richtigen Ohren, um zu hören, was in dem zitternden Gezweig laut wird.”

Ich erzähle morgen weiter …

Zitiert aus Günter Kunert “Der polnische Baum” in “Kramen in Fächern”, erschienen im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1968.

Mittwoch, den 29.4.2009

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