Auf der grünen Ledercouch (7)
Ich fühle mich, während ich sie unwillig mit diesen Sätzen bombardiere, um Jahre zurückversetzt. Wir waren 16 damals, gingen in die zehnte Klasse. Ich war dem Alter gemäß noch zu viel Unsinn aufgelegt, voller Übermut, mit überschüssiger Kraft ausgestattet, war großspurig und ungelenkig, aber wurde von ihr angezogen. Ich neckte sie, zog sie wegen ihrer Ernsthaftigkeit auf und machte mich ein bisschen lustig darüber, dass sie Zeit mit Kochen und Backen verbrachte, so häuslich war, statt ihre Jugend zu feiern und freute mich zugleich an ihren blauen Augen, ihrer Energie, dem wachen Geist, ihrer Entrüstung über jeden Missstand und ihrer Bereitschaft, ihren Einfällen, ihn abzuändern, aber auch an ihren unergründlichen Anwandlungen, die sie manchmal überfielen.
Und ich steckte voller Pläne für mein Leben und das von anderen, war überzeugt davon, dass man das meiste verändern müsse und fast alles machbar sei, dachte, Hürden seien nur dazu da, sie beiseite zu räumen. Erfahrungen, wie Bianca sie machte und von denen ich nichts erfuhr, waren mir fremd. Ohnmacht und Zwänge kannte ich nicht, nur Unbekümmertheit.
Aber so viel Vertrauen hatte sie nicht, mir etwas zu erzählen, mir zu erklären, warum sie lebte, wie sie lebte, warum sie wischte, Ordnung hielt und kochte wie eine Mutter, warum sie tat, was sie nach meiner Überzeugung zwanzig Jahre später sowieso tun müsste und dabei oft zu brav, manchmal auch verkrampft wirkte. Sie redete nicht darüber, nicht einmal, um irgendwann meine gelegentlichen Hänseleien zu beenden.
Auch über andere sprach sich nicht herum, dass sie erwachsener war, dass das Leben ihr mehr von sich preisgab als uns anderen gegenüber, dass sie so leben musste. Denn ihre Mutter war krank, hatte Krebs, der Körper und Kraft allmählich auffraß und sie, Bianca war die einzige Tochter, die gemeinsam mit dem Vater der Mutter das Krankenhaus ersparte.
