
Es lädt ein zu Geduld und zum Zeitunglesen. Denn zumindest beim Zahnarzt, wo ich heute im Notdienst wartete, war wohl vor lauter Angst und Schmerz niemand zu einem lockeren Gespräch aufgelegt. So blieb für Ablenkungsmanöver nur das Blättern im Patientenmagazin des Universitätsklinikums Leipzig, wo ich Interessantes aus der Hirnforschung fand: unter der ungewöhnlichen Überschrift “Berührung ist ein Lebensmittel”.
Interviewt wurde der Leiter des hier ansässigen einzigen Haptiklabors in Europa, Privatdozent Dr. Martin Grunwald, vom Institut für Hirnforschung der Universität. Er betont, dass ein Mangel an Berührung, die nicht Sex meine, “das Gehirn veröden” lasse, dass junge Menschen ohne Berührung nicht reifen könnten, dass bei jeder Berührung das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet werde, nach dem wir ein Leben lang hungern, das vor Stress schütze, Lebensenergie spende und weder durch schöne Worte oder zu Herzen gehende Filme noch sonst etwas ersetzt werden könne.
Er verweist auf die besondere Tragik dieses Umstands besonders für die alten und einsamen Alleinstehenden, die niemand mehr berühre, seit die verschiedenen Generationen nicht mehr beieinander leben und dadurch der früher für Omas und Opas selbstverständliche ständige und belebende Kontakt mit den Enkeln wegfalle.
Wenigstens eine Massage sollten sich diese Menschen hin und wieder gönnen oder sich mit Haustieren zum Kuscheln umgeben, empfiehlt Dr. Grunwald, der auch davon erzählt, dass der Tastsinn im Gegensatz beispielsweise zur Nase niemals schlafe.
Über eine bisher noch unbekannte Zahl von Rezeptoren gibt dieser Sinn Milliarden von Informationen an unser Gehirn weiter: über die Oberfläche, die Form, das Gewicht und den Bewegungszustand unserer Umwelt ebenso wie über das, was er in unserem eigenen Körper wahrnimmt.
Notwendig und angetrieben werden die Forschungen über die noch großen Geheimnisse des Tastsinns wohl vor allem auch deshalb, weil die Industrie zunehmend Dinge entwickeln will, die sich besonders gut anfühlen und deshalb beim Kaufen bevorzugt werden.
Aber unabhängig von all dem geht es mir nach dem Lesen dieses Artikels darum, Sie einmal ins Nachdenken darüber zu bringen, wie abhängig unser Entwicklungspotential von Berührungen ist – und das von der Kindheit bis ins höchste Alter.
Und vielleicht geht es Ihnen dann wie mir: Ich denke an meine diesbezüglichen Defizite, vor allem im Geben, und daran, wie leicht sich das meinen Lieben gegenüber ändern lässt. Oder?
Donnerstag, den 23.7.2009
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