Immer alles an seinem Platz?
Ich muss gestehen, ich bin kein Ordnungsfanatiker, ärgere mich aber, wenn ich abends wieder einmal meine Zeit versuche, eine fällige Rechnung nicht finde, die ich, wie ich glaube, griffbereit hingelegt hatte und ganze Stapel von Wichtigkeiten gleich zweimal durchforsten muss, weil ich beim ersten hektischen Durchwühlen der Papierberge übersehe, was ich suche. Oder wenn ich morgens in größter Eile, um sieben, noch in der Wohnung und nicht schon im Auto wie sonst, feststelle, dass der blaue Pullover, den ich einstecken will, spurlos verschwunden ist. “Ordnung hilft euch Zeit gewinnen”, höhnt Goethe, aber das nützt mir im Augenblick nichts. Ich schnappe mir wütend einen braunen Pullover, renne aus der Wohnung und die Holztreppe hinunter.
Dabei gibt es Leute, die mit Begeisterung aufräumen. Sie heben nicht alles auf, denken nicht, sie würden die Dinge bestimmt noch brauchen, die schon seit Jahren den Schrank nicht verließen, sondern wissen, was überflüssig ist und trennen sich davon. Sie sind kreativ bei der Wahl von “Ordnungshilfen”, die ins Auge fallen und die man ins Herz schließt, weil sie schön sind, wie ein lederner Stehsammler für die Zeitungen oder dekorativste Vorratsgläser in ausgefallenen Formen, denen man schon von außen ansieht, ob sie Müsli oder Zucker enthalten. Was ständig gebraucht wird, steht vorn, weniger Wichtiges hinten. Socken und Pullover sind ebenso am angestammtem Platz wie jedes Buch, auf das man zu sprechen kommt und in dem man etwas nachschlagen will. Auch eine länger nicht gehörte CD zu finden, ist kein Problem.
Ich habe einen Freund als lebendes Beispiel für diese Menschen mit einem gut funktionierendem System. Und wenn wir manchmal mit viel Spaß gemeinsam bei ihm kochen und über alles andere als Ordnung reden, frage ich mich gelegentlich, während alles reibungslos klappt, kein Gewürz, das wir brauchen, unauffindbar verschwunden ist, ob ich meinen Platz auf der Skala der menschlichen Möglichkeiten vom Ordnungsfanatiker bis zum Chaoten ein bisschen korrigieren müsste?








